Julia Franck, Die Mittagsfrau

[Mit ihrem Sohn Peter geht Helene 1945 wie fast jeden Tag zu einem Bahnhof in Vorpommern, um vor den Russen Richtung Berlin zu fliehen.
Am Bahnhof lässt sie Peter stehen und verschwindet: die traurige Konsequenz eines Lebens, dass selbst kaum Liebe erfahren hat und dem von daher auch die kindliche Liebe unerträglich wird.
Von den Männern enttäuscht und von der Familie verlassen, fasst Helene einen Entschluss, der so grausam ist wie die Schicksalsschläge, die sie selbst erlitten hat …]

Deutsche Literatur geht meist an mir vorbei – so auch dieser Roman. Ich hatte noch nie davon gehört und wusste auch nichts von jedweden Preisen und Kritiken. Nachdem mir eine meiner Kolleginnen davon erzählt hatte, habe ich auch nur kurz nach der Inhaltsangabe gesucht und war erstmal voreingenommen, da “Zeitgeschichte-Bewältigungsromane” normalerweise nicht auf meiner Literaturliste landen.

Und dann war ich in der lokalen Bücherei und da stand es gerade so aufdringlich bei den Neuerwerbungen herum (ich glaube, das lag allerdings daran, dass Frau Franck vor kurzem in der Nachbarstadt gelesen hat) und so habe ich es denn mitgenommen, gelesen und für nicht schlecht befunden.

Julia Franck erzählt zwar Zeitgeschichte, doch richtet sie ihr Augenmerk vornehmlich auf die psychologische Entwicklung der Protagonistin Helene. Deren allmähliches Gefühlserkalten durch Enttäuschungen auf allen Ebenen wird in einer an manchen Stellen sehr eindringlichen Bildersprache geschildert.

“Die Mittagsfrau” ist meiner Meinung nach ein durchweg gelungenes Buch. Mich stört es nicht, dass die Zeitgeschichte nur am Rande berührt wird – und zwar ganz und gar nicht. Auch die vielfach kritisierten Klischees oder die papierne Atmosphäre, die die geschilderten Episoden aus den 20er Jahren angeblich haben, fand ich persönlich nicht Lektüre-beeinträchtigend.

Die große Intensität, die sich erstaunlicherweise trotz der weitgehend distanzierten sprachlichen Gestaltung ergibt, wiegt solche “Mängel” auf. Allen voran lassen der sehr verdichtete Pro- und Epilog aus Sicht des zurückgelassenen Kindes einen nachhaltigen Eindruck zurück.

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